Interview: Mythos Fachkräftemangel

Wir stellen Martin Gaedt, Autor von „Mythos Fachkräftemangel: Was auf Deutschlands Arbeitsmarkt gewaltig schiefläuft“ ein Frage.

Sie schrieben „Fachkräfte werden paradoxerweise ausgerechnet von denjenigen vertrieben, die sie am meisten brauchten: von den Arbeitgebern.“ Können Sie uns das erklären?

Martin Gaedt: Unternehmen sollten Bewerber wie ihre Kunden behandeln. Wer das macht, hat keinen Mangel an passenden Fachkräften. Positive Beispiele gibt es in allen Branchen und Regionen. Unternehmen signalisieren leider mehrheitlich ‘Hau ab, wir brauchen dich nicht’. Der wichtigste Kontaktpunkt zwischen Bewerbern und Unternehmen ist die Webseite des Unternehmens. Die schaut sich jeder Bewerber an. Was findet ein Bewerber dort? Infos zu Produkten, Firmenpräsentation, ‘Weltmarktführer’. Aber selten Gründe, die Bewerber magnetisch anziehen, keine relevanten Infos zu Arbeitszeiten, herausfordernden Aufgaben, Freiheiten und dem Außergewöhnlichen in diesem Betrieb. 40 Sekunden, um potenzielle Bewerber zu überzeugen. Dann surft er weg. Meistens findet er so schnell nicht mal den Link ‘Jobs’ oder ‘Karriere’. Und wenn doch, ist es dort meistens langweilig, leer und öde. Unsichtbar, kein Magnet, die Infos versteckt. Alles brüllt: Hau ab.

Die Minderheit, die all diese Hürden überwunden hat und sich bewirbt, erlebt dann das nächste Fiasko. Viele Unternehmen antworten gar nicht oder erst nach vier Wochen. Und genauso schlimm ist die Empfangsbestätigung aus einem Bewerbermanagementsystem: ‘Sehr geehrte Bewerberin/sehr geehrter Bewerber’. Das ist institutionalisierte Verarschung. Das Unternehmen weiß durch die Bewerbung alles einschließlich des Namens. Also nutzen Sie ihn!

Emails an ‘Sehr geehrte Damen und Herren’ lösche ich grundsätzlich. Wer mich meint, findet meinen Namen. So gewinnt man weder Kunden noch Mitarbeiter. Mein Rat: Bewerben Sie sich inkognito in Ihrem Unternehmen. Prüfen Sie, ob Sie sich willkommen fühlen oder ‘Hau ab’ hören!